Am 22. Juli 2025 fand nun der mittlerweile dritte Vortrag im Rahmen unserer Onlinevortragsreihe Notfallpsychologie Insight statt. Für alle, die nicht dabei sein konnten, hier ein kurzer Bericht zum M-KIT:
Die Fachgruppe Notfallpsychologie hatte dieses Mal Claus-Dieter Kieser (Institut für Klinische Psychologie, Neuropsychologie und Psychotherapie am Zentrum für Seelische Gesundheit Krankenhaus Bad Cannstatt) und Ruben Gölz (RKH Klinikum Ludwigsburg) eingeladen. Die beiden Referenten stellten an diesem Abend die Arbeit der multiprofessionellen Kriseninterventionsteams (M-KIT) vor. Diese Teams bieten Mitarbeitenden im Krankenhaus bei psychischen Notlagen und extremen Belastungen niedrigschwellige und professionelle Unterstützung. [...] Bericht: Oliver Tucha
M-KIT ist ein Angebot, das allen Mitarbeitenden kostenfrei zur Verfügung steht, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit, einschließlich ihres Arbeitswegs, mit traumatischen Ereignissen oder hoher psychischer Belastung konfrontiert sind. Die Einsätze dienen der Stabilisierung, Entlastung und Vermeidung langfristiger Folgestörungen.
Die Teams sind interdisziplinär und bestehen aus verschiedenen Berufsgruppen, u. a. Psycholog*innen, Pflegekräften, Seelsorger*innen und Ärzt*innen. In Stuttgart begann die Arbeit 2013 am Zentrum für Seelische Gesundheit und wurde 2023 auf das gesamte Klinikum ausgeweitet. In Ludwigsburg startete der Aufbau 2023, mit dem offiziellen Projektstart im Oktober 2024. Aktuell besteht das Stuttgarter Team aus rund 25 Mitwirkenden, das Ludwigsburger Team aus 22.
Die Krisenintervention gliedert sich in mehrere Phasen: Psychische Erste Hilfe (0–48 Std.), psychische zweite Hilfe (24–72 Std.), psychosoziale Notfallversorgung (bis zu 5 Wochen) und gegebenenfalls Weitervermittlung in eine langfristige psychotherapeutische Behandlung. Ziel ist es, Sicherheit, Kontrolle und Orientierung wiederherzustellen. Unterstützt werden Einzelpersonen und Gruppen durch Gesprächsangebote, Schulungen und strukturierte Einsatzkonzepte.
Das M-KIT verfolgt klare Ziele. Dabei stehen Sensibilisierung für psychische Gesundheit, Etablierung fester Unterstützungsstrukturen, schnelle Identifikation kritischer Ereignisse, Bereitstellung qualifizierter Erstbetreuung und langfristige Verankerung in der Organisation im Vordergrund. Das Team arbeitet eng mit Betriebsärzt*innen, Seelsorger*innen, Notfallmediziner*innen, dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement und externen Partner*innen zusammen. Typische Einsatzanlässe sind verbale oder körperliche Übergriffe, suizidale Ereignisse, unklare Todesfälle oder dramatische Umstände während Behandlungen. 2024 verzeichnete Stuttgart 77 Einsätze, darunter 19 nach körperlichen Übergriffen und 16 im Kontext von Todesfällen. In Ludwigsburg wurden 48 Einsätze gemeldet, vor allem bei körperlicher Gewalt und dramatischen Begleitumständen.
Der strukturierter Ablauf ist zentral. Nach einem kritischen Ereignis leisten Ersthelfer*innen vor Ort psychische Erste Hilfe. Reicht diese nicht aus, übernimmt das M-KIT nach Meldung durch Betroffene selbst, Kolleg*innen oder Führungskräfte. Die Maßnahmen werden situationsangepasst ausgewählt (beispielsweise in Einzel- oder Gruppengesprächen) und durch speziell geschulte Teammitglieder durchgeführt.
Schulungen zur psychischen Ersten Hilfe sind zentraler Bestandteil des Konzepts. Sie orientieren sich u.a. am KIMA-Modell nach Hausmann und zielen auf Verstehbarkeit, Vorhersagbarkeit und Kontrolle ab. Führungskräfte und Kollegiale Erstbetreuer*innen werden regelmäßig geschult, um in Akutsituationen angemessen reagieren zu können.
In Zukunft soll das M-KIT weiter ausgebaut werden. So ist in Ludwigsburg ein Rollout auf die gesamte Holding geplant, inklusive Integration ins Betriebliche Gesundheitsmanagement. In Stuttgart wird die strukturelle Verankerung noch diskutiert. Weitere Ziele sind u. a. die Aufnahme der Schulungen in die Pflegeausbildung, einheitliche Alarmierungswege, feste Einsatznachsorge-Strukturen sowie eine engere Zusammenarbeit beider Kliniken.
Mit dem M-KIT leisten die Kliniken einen wichtigen Beitrag zur psychosozialen Versorgung ihrer Mitarbeitenden. Die präventive und reaktive Unterstützung in belastenden Situationen stärkt nicht nur die individuelle Gesundheit, sondern auch die Resilienz der gesamten Organisation.
